Spieltheorie: Was gehört in ein ‘richtiges’ Spiel?

“Each person defines games in his own way – the anthropologists and folklorists in terms of historical origins; the military men, businessmen, and educators in terms of usages; the social scientists in terms of psychological and social functions. There is overwhelming evidence in all this that the meaning of games is, in part, a function of the ideas of those who think about them.”
– E.M. Avedon in “The Structural Elements of Games” in “The Study of Games”, Sutton-Smith and Avedon, Eds., New York 1971, p.438

Die Frage nach einer Definition von “Spiel” kann weder umfassend noch eindeutig oder objektiv beantwortet werden – was nicht heißen soll, dass sie nicht beantwortet werden kann oder sollte. Die Frage “Was ist Spiel?” gehört zur Kategorie der prinzipiell unentscheidbaren Fragen (Heinz von Foerster), die individuell entschieden werden (müssen), und manchmal mehr über die jeweiligen Antwortenden, ihre Kultur oder ihren individuellen Blickwinkel aussagen können, als über den Sachverhalt selbst.

Ein aufmerksamer Spieldesigner – oder ein Künstler, der etwas durch ein Spiel ausdrücken möchte – steht vor einer ähnlichen Frage, wenn er einen Spielraum entwirft, in dem ein bestimmtes Spielerverhalten

  • unmöglich gemacht
  • verboten
  • möglich
  • zugelassen
  • unterstützt
  • gefordert
  • oder herausgefordert wird.

Klassische und zeitgenössische Spieltheoretiker halten folgende Spielmerkmale für unabdinglich, um einen Handlungsraum als Spiel zu definieren:

  • Johan Huizinga (1938): “Homo Ludens.” S.15-22 (Niederländischer Kulturhistoriker)
    Freies Handeln; außerhalb des “gewöhnlichen” Lebens stehend; zeitlich-räumlich abgeschlossen und begrenzt; wiederholbar; spannend; regelhaft
  • Mathematische Spieltheorie nach z.B. John von (János) Neumann (1944) (Österreichisch-Ungarischer Mathematiker):
    Rationale Entscheidungen, wissen um gegenseitige Beeinflussung, mehrere Beteiligte, Belohnung; oder PAPI: Players, actions, payoffs, information
  • Roger Caillois (1958): “Man, Play and Games.” S.9-10 (Französischer Soziologe und Philosoph)
    Free, separate, uncertain, unproductive, governed by rules, make-believe
  • Hans Scheuerl (1975): “Zur Begriffsbestimmung von Spiel und Spielen.” S.342-343 (Deutscher Erziehungswissenschaftler)
    Freiheit, innere Unendlichkeit, Scheinhaftigkeit, Ambivalenz, Geschlossenheit, Gegenwärtigkeit
  • Brian Sutton-Smith (1978): “Die Dialektik des Spiels” (S.43-64)(Neuseelandstämmiger Spieltheoretiker)
    Intrinsisch motiviert, abstrakt und variierend (zwei Schwestern spielen “zwei Mädchen, die Schwestern sind”), umkehrend, belebend und euphorisierend, dialektisch.
  • Chris Crawford (1982): “The Art of Game Design.” S.8-14 (US-Amerikanischer Computerspieleentwickler)
    Representation, interaction, conflict, safety
  • Markus Montola et al (2009): “Pervasive Games. Theory and Design.” (Finnischer Spielforscher)
    Als Erweiterung klassischer Ansätze: Spiel kann jenseits zeitlicher, räumlicher und sozialer Grenzen stattfinden.

Gespielt wird – gerade in der Kunst oder in der Lehre – zu einem bestimmten Zweck:

  • Friedrich Schiller (1795): “Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen, in einer Reihe von Briefen.” 14. Brief (Deutscher Dichter und Philosoph)
    Der Spieltrieb dient der Vermittlung zwischen sinnlichen Trieb und Formtrieb, zwischen Veränderung und Ewigkeit, zwischen dem Empfangen und dem Hervorbringen eines Objekts
  • Gregory Bateson (1972): “Eine Theorie des Spiels und der Phantasie.” in ders. “Ökologie des Geistes.” S.244-245 (US-Amerikanischer Philosoph, Anthropologe und Kybernetiker)
    Spiel entwickelt die Unterscheidungsfähigkeit zwischen Abbildung und Realität, zwischen aktuellen Handlungen und deren Bezeichnungen, die nicht bezeichnen, was jene Handlungen üblicherweise bezeichnen.
    (Spiel bereitet somit auf den Umgang mit Medien vor!)
  • Brian Sutton-Smith (1978): “Die Dialektik des Spiels” (S.65-102)(Neuseelandstämmiger Spieltheoretiker)
    Spiel sorgt u.a. für eine Umkehrung und damit Verständnis von Machtbeziehungen, ebenfalls für ein Verständnis komplexer Beziehungen über Abtsraktion und Variation und bereitet über eine Erweiterung des adaptiven Verhaltenspotenzials auf zukünftige, unvorhersehbare Veränderungen der Umwelt vor.
  • Rolf Oerter (1993): “Psychologie des Spiels”, S.211 ff. (Orig. Deutsch)
    Adaptive Funktion, Realitätsbewältigung durch Austausch, Aneignung, Bewältigung, Protest; Spiel entwickelt und bereitet auf zukünftige erwartbare Probleme vor.
  • Jean Piaget in Donald E. Lytle (2003): “Play and educational theory and practice.” S.101-105
    Spiel ist eine Reflektion bzw. ein Indikator zu erwerbender kognitiver Fähigkeiten, z.B. Entwicklung der Symbolfunktion, Moral, Regelbewußtsein, hat aber aufgrund der Einbettung in bestimmte Entwicklungsstadien keine bleibende übergeordnete Funktionalität (wird gerne zitiert, um die altersbedingten Möglichkeiten von Kindern im (Lern)Spiel zu belegen).
  • Jean Piaget in Rolf Oerter (1993): “Psychologie des Spiels” , S.178 f.
    Zuerst Funktionslust (sensomotorisch) bzw. später beim Symbolspiel ist Spiel “überbordende Assimilation”, d.h. der Spieler ‘eignet sich die Welt an’, formt sie in ihrer Bedeutung so um, dass sie seinem Ich unterwerfbar wird; es ist eine Verteidigung gegen die erzwungene Akkomodation der Erwachsenenwelt.
Wey

Über Wey

My name's Wey-Han Tan, I graduated 2007 as Diplompädagoge (educational scientist) in Hamburg, and 2009 as M.A. in ePedagogy Design. Currently I work at the project "Universitätskolleg" as scientific assistant at the Faculty for Educational Sciences, Psychology and Human Movement at the University of Hamburg. My research interests are game based learning, second order gaming, media theory and (radical) constructivist approaches. I like pen-and-paper-roleplaying, especially in contemporary horror settings like "KULT" or "Call of Cthulhu".
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