{"id":576,"date":"2011-05-30T10:41:07","date_gmt":"2011-05-30T10:41:07","guid":{"rendered":"http:\/\/edublog.me\/spieleseminar\/?p=576"},"modified":"2011-05-31T12:24:13","modified_gmt":"2011-05-31T12:24:13","slug":"kulturanthropologieethnografie-und-kinderspiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/edublog.me\/spieleseminar\/2011\/05\/30\/kulturanthropologieethnografie-und-kinderspiel\/","title":{"rendered":"Kulturanthropologie\/Ethnografie und KinderSpiel"},"content":{"rendered":"<p>IN: Erich Renner (&#8216;Andere Vo\u0308lker andere Erziehung &#8211; Eine pa\u0308dagogische Weltreise&#8217;)<\/p>\n<p><em>Zum Einen: \u201eDie meisten der hier gesammelten und alle in Al- Qa (Jemen) hinzugekommenen Spiele der Jungen sind Ballspiele. Entweder ist der Ball das einzige notwendige Spielzeug oder das weitere Material (Bu\u0308chsen, Sto\u0308cke&#8230;) leicht zu besorgen. Alle Spiele beruhen vor allem auf ko\u0308rperlicher Geschicklichkeit oder Kraft. Immer handelt es sich um eine Jagd, bei der der Ball die Waffe repra\u0308sentiert. Manchmal offenbart sich der Jagdcharakter der Spiele bereits im Namen: Ring des Todes, Fischfa\u0308nger&#8230; Bei anderen Spielen verbirgt sich die Dramatik des Spielablaufs hinter nahezu la\u0308ppischen Alltagsbegriffen: Bu\u0308chsen, Eier, Steine, Loch. Beide Namensgebungen, die u\u0308bertriebenen martialischen wie die banal einfallslosen, stehen fu\u0308r die komplexe Haltung der Kinder zu ihrem Spiel: In ihren Augen sind\u00a0\u00a0\u00a0 sie\u00a0\u00a0\u00a0 allta\u0308glich,\u00a0\u00a0\u00a0 einfach,\u00a0\u00a0\u00a0 selbstversta\u0308ndlich\u00a0\u00a0\u00a0 und au\u00dfergewo\u0308hnlich, vielschichtig und phantastisch zugleich. Derselbe harmlose Zeitvertreib kann binnen weniger Sekunden zum fesselnden Kampf auf Leben und Tod werden.<\/em><br \/>\n<em> <!--more--> Der Grund fu\u0308r diese extremen, doch einander nicht ausschlie\u00dfenden Haltungen liegt in unserer Fa\u0308higkeit, eine Beziehung zur Welt aktiv herzustellen, zu entwickeln und zu vera\u0308ndern. Im Spiel sind wir frei, je nach Stimmung oder Wunsch verschiedene Haltungen, von ku\u0308hl und gelassen bis leidenschaftlich engagiert bewu\u00df einzusetzen.&#8221;<\/em><br \/>\n<em> Man merke, der Verfasser unterscheidet hier nicht zwischen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen! Dieses jemenitische Beispiel zeigt aber auch, wie die typisch islamische Geschlechtertrennung in der sta\u0308dtischen U\u0308bergangsgesellschaft bis ins Jugendalter nicht stattfindet. Sie zeigt sich eher als Konkurrenzverhalten, wobei die Jungen sich deutlich konservativ verhalten. Es ist eigentlich schwer vorstellbar, da\u00df sich die hier auftretenden selbstbewu\u00dften Ma\u0308dchen spa\u0308ter unter einen Schleier zwingen lassen. Man ko\u0308nnte von der emanzipatorischen Funktion konkurrierender Spiele zwischen Ma\u0308dchen und Jungen sprechen.<\/em><br \/>\n<em> Zum anderen: \u201eJemeniten spielen u\u0308berwiegend im Freien, wa\u0308hrend sich der Spielraum der westlichen Kultur zunehmend ins Haus verlagert hat. Fast ko\u0308nnte ich von einer Domestierung des Spiels sprechen: Das Kinderspiel im Haus mu\u00df, den Umsta\u0308nden entsprechend, ruhiger und disziplinierter sein. Weder kann sich hier physische Kraft entfalten, noch ko\u0308nnen unbegrenzt Mitspieler teilnehmen. Und natu\u0308rlich lassen sich die Spiele im Haus von Erwachsenen besser beaufsichtigen.&#8221;<\/em><\/p>\n<p><em>Dar\u00fcber hinaus wurde laut Autor der\u00a0 jahreszeitliche Verlauf der Kinderspiele bei vielen Vo\u0308lkern beobachtet ebenso der nahtlose U\u0308bergang des Kinderspiels in die Ta\u0308tigkeiten der Erwachsenen.<\/em><\/p>\n<p><em>Hierzu Turnbull: \u201eWie die Kinder in aller Welt lieben auch die Pygma\u0308enkinder, ihre erwachsenen Vorbilder nachzuahmen. Damit beginnt fu\u0308r sie die Erziehung; die Erwachsenen werden sie immer ermutigen und ihnen helfen. Was gibt es sonst fu\u0308r sie zu lernen, als da\u00df sie zu guten Erwachsenen werden?&#8221;<\/em><\/p>\n<p><em>Fritz Seidenfaden hat in einer vergleichenden Studie anhand von Beispielen aus Neuguinea, Nordamerika und Afrika die Frage rein nachahmender Kinderspiele diskutiert. Er kommt zu dem Ergebnis, man ko\u0308nne von hundertprozentiger Nachahmung eigentlich nicht sprechen, weil Kinder immer spielerisch eigene Elemente hinzufu\u0308gen. Nachahmung sei vielmehr selektiv, habe ha\u0308ufig karikierenden Charakter: \u201eEs handelt sich um eine freie Nachahmung des Erwachsenenlebens, die auch Raum la\u0308\u00dft fu\u0308r ironische Distanz.&#8221;<\/em><\/p>\n<p><em>Da\u00df Kinder und Jugendliche die Enttabuisierung aller bisherigen gesellschaftlichen Werte wahrnehmen, sich in ihrem Verhalten so darauf einstellen, da\u00df sie die allgemeinen Tendenzen im negativen Sinne noch u\u0308bertrumpfen wollen, illustriert ein Erinnerungsstu\u0308ck aus der Autobiographie der Chinesin Chen Danyan wa\u0308hrend der Kulturrevolution. Es geht hier um ein Spiel, wo Kinder versuchen, m\u00f6glichst viel Katzen zu t\u00f6ten.<\/em><\/p>\n<p><em>Sie geba\u0308rden sich wie Abziehbilder der Erwachsenen.&#8221;, formuliert eine Rezensentin dieser Autobiographie. Die Details dieser Situation sprechen eher dafu\u0308r, da\u00df die Kinder die Erwachsenen hier nicht nur nachahmen, sondern an Grausamkeit noch zu u\u0308bertreffen suchen. Man mu\u00df mit Erschrecken wahrnehmen, wie scheinbar spielerische Handlungen in monstro\u0308se Wirklichkeit umschlagen. Das grausame Spiel wird zum Spiegelbild der gesellschaftlichen Zusta\u0308nde.<\/em><\/p>\n<p>Die Unterschiede im Kinderspiel des jeweiligen Landes\/Region sind schon zu erkennen, wobei man allerdings nicht verallgemeinern kann, dass Kinder aus Afrika oder dem Jemen halt draussen spielen und Kinder der westlichen industriellen L\u00e4nder halt im Haus. Ich glaube auch nicht, dass die grausamen Spiele der Kinder immer zum Spiegelbild der gesellschaftlichen Zust\u00e4nde werden. Mein Gro\u00dfvater hat in seiner Jugend w\u00e4hrend dem 1. Weltkrieg auch Ratten zum Spa\u00df gequ\u00e4lt, ich hatte aber erst letztens einen Jungen (10 Jahre) auf einer Klassenfahrt, der sich einen Spa\u00df daraus gemacht hat, Salamander zu maltr\u00e4tieren&#8230;und dass im Jahre 2011 in einem reichen und wie ich finde, recht gut funktionierendem, sicheren Land. Als P\u00e4dagoge k\u00f6nnte man nun vielleicht anmerken, dass er aus schwierigen famili\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen kommt und vermuten, dass er deshalb diese grausamen Spiele spielt, wobei ich dann aber eher sagen w\u00fcrde, dass das Spiel hier zum Spielgelbild seiner Seele, aber sicher nicht zum Spiegelbild der gesamten gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse wird&#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>IN: Erich Renner (&#8216;Andere Vo\u0308lker andere Erziehung &#8211; Eine pa\u0308dagogische Weltreise&#8217;) Zum Einen: \u201eDie meisten der hier gesammelten und alle in Al- Qa (Jemen) hinzugekommenen Spiele der Jungen sind Ballspiele. 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