{"id":241,"date":"2012-11-18T16:09:34","date_gmt":"2012-11-18T14:09:34","guid":{"rendered":"http:\/\/edublog.me\/spielzuegeundregelbrueche\/?p=241"},"modified":"2012-11-19T15:05:39","modified_gmt":"2012-11-19T13:05:39","slug":"hier-ist-ethik-im-spiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/edublog.me\/spielzuegeundregelbrueche\/2012\/11\/18\/hier-ist-ethik-im-spiel\/","title":{"rendered":"Hier ist Ethik im Spiel"},"content":{"rendered":"<p>Spiele basieren auf den Entscheidungen der Spieler; und ein gro\u00dfer Teil des Spielvergn\u00fcgens stammt aus dem Erleben der und dem Umgang mit den Folgen der eigenen Entscheidungen. Wenn bedeutungsvolle Entscheidungen der Spieler (siehe &#8220;prinzipiell unentscheidbare Fragen&#8221; bei Heinz von Foerster im Abschnitt &#8220;Metaphysik&#8221;) kaum oder keinen Einflu\u00df auf den Spielverlauf haben, spricht man u.a. von <a href=\"http:\/\/rpgtalk.wikia.com\/wiki\/Railroading\">&#8220;Railroading&#8221;<\/a>.<\/p>\n<p>Wenn beim Schachspiel mein K\u00f6nig im Schach steht, besteht der <em>M\u00f6glichkeitsraum<\/em>, in dem ich Entscheidungen treffen kann,<em>\u00a0<\/em>lediglich in der Art und Weise, wie ich das Schachgebot unterbinde oder ob ich das Spiel aufgebe. Wenn ich allerdings beim Mensch-\u00c4rgere-Dich-Nicht-Spiel bei einem Zug mehrere Spielfiguren gleicherma\u00dfen rauswerfen kann und eine davon geh\u00f6rt z.B. einem kleinen Kind, dann ist dies keine durch Studium der Spielregeln entscheidbare Frage, sondern eine ethische.<!--more--><\/p>\n<p>Spiele, die so konstruiert wurden, dass man innerhalb der Regeln keine richtigen Entscheidungen, weder ethische noch spieltechnische, treffen kann, bezeichne ich als &#8220;unusable Games&#8221; \u2013 sie sollen den Spieler herausfordern, sich \u00fcber Regeln und Regel\u00e4nderungen Gedanken zu machen.<\/p>\n<p>Auf einer \u00fcbergeordneten Ebene gibt es beim Spiel die ethische Entscheidung, ob man Schummeln sollte, um ein Spiel zu gewinnen (ich m\u00f6chte ja auch n\u00e4chstes mal zum Spielen eingeladen werden \u2013 also mir einen Ruf als &#8216;guter&#8217; Spieler erhalten).<\/p>\n<p>Wie verh\u00e4lt man sich also im Spiel gegen\u00fcber seinen Mitspielern?<br \/>\nWie verh\u00e4lt man sich gegen\u00fcber den eigenen \u00dcberzeugungen, die im Spiel eventuell auf die Probe gestellt werden?<br \/>\nWie verh\u00e4lt man sich gegen\u00fcber den kulturell geteilten Konventionen dem Spiel gegen\u00fcber?<\/p>\n<ul>\n<li>Aufgabe: Z\u00e4hlt Spiele oder Situationen im Spiel auf, in denen ethische Entscheidungen eine Rolle spielen.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Bekannte Beispiele f\u00fcr ethische Spiele<\/strong><\/p>\n<p>Das &#8220;Gefangenendilemma&#8221; der <em>mathematischen<\/em> Spieltheorie ist ein Beispiel f\u00fcr ein &#8216;Wett&#8217;-Spiel, bei dem ethische Entscheidungen eine Rolle spielen, die Entscheider\/Spieler aber als rein rational handelnde Akteure (d.h. auf objektive Gewinnmaximierung ausgerichtete Akteure) angesehen werden.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><em>&#8220;Zwei Gefangene werden verd\u00e4chtigt, gemeinsam eine Straftat begangen zu haben. Beide Gefangene werden in getrennten R\u00e4umen verh\u00f6rt und haben keine M\u00f6glichkeit, sich zu beraten bzw. ihr Verhalten abzustimmen. Die H\u00f6chststrafe f\u00fcr das Verbrechen betr\u00e4gt sechs Jahre. Wenn die Gefangenen sich entscheiden zu schweigen (Kooperation), werden beide wegen kleinerer Delikte zu je zwei Jahren Haft verurteilt. Gestehen jedoch beide die Tat (Defektion), erwartet beide eine Gef\u00e4ngnisstrafe, wegen der Zusammenarbeit mit den Ermittlungsbeh\u00f6rden jedoch nicht die H\u00f6chststrafe, sondern lediglich von vier Jahren. Gesteht nur einer (Defektion) und der andere schweigt (Kooperation), bekommt der erste als Kronzeuge eine symbolische einj\u00e4hrige Bew\u00e4hrungsstrafe und der andere bekommt die H\u00f6chststrafe von sechs Jahren.&#8221;<\/em><br \/>\n\u2013 Wikipedia, &#8220;Gefangenendilemma&#8221;, http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gefangenendilemma (aufgerufen am 17.11.2012)<\/p>\n<p>Gibt es eine L\u00f6sung f\u00fcr dieses Problem?<\/p>\n<p>Ganz deutlich wird dies an diesem Beispiel aus der Quizshow &#8220;The Golden Ball&#8221;. Wie k\u00f6nnen die beiden Spieler ihren Gewinn maximieren, wenn sie mit einem Unbekannten zusammen spielen, der, wenn sie ihm vertrauen, sie eigenn\u00fctzig um ihren ganzen Gewinn bringen kann?<\/p>\n<p>[youtube]http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=S0qjK3TWZE8[\/youtube]<\/p>\n<p>Die Spieltheorie versucht auch andere ethische Fragen mit rationalen Motiven zu erkl\u00e4ren; z.B. warum urspr\u00fcnglich revolution\u00e4re Parteien nach einiger Zeit in der b\u00fcrgerlichen Mitte ankommen:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eisverk\u00e4ufer-am-Strand-Problem\">http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eisverk\u00e4ufer-am-Strand-Problem<\/a>\u00a0(aufgerufen am 17.11.2012)<\/p>\n<ul>\n<li>Aufgabe: Gibt es Spiele, bei denen die Handlungsm\u00f6glichkeiten der Spieler von vorne herein unterschiedlich sind? \u00dcblicherweise sind &#8216;faire&#8217; Spiele, wie z.B. Schach oder Fu\u00dfball, so angelegt, dass beiden Parteien die selben Optionen zu den selben Bedingungen offen stehen.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Einw\u00fcrfe gegen ein dekontextualisiertes Handeln in ethischen &#8216;Spielen&#8217;<\/strong><\/p>\n<p>Eine der bekanntesten ethischen Fragestellungen aus der Entwicklungspsychologie ist das &#8220;Heinz-Dilemma&#8221; von Lawrence Kohlberg, das sich in verschiedener Form tausendfach in besseren Rollenspielen wieder findet &#8211; ganz egal ob klassisches Pen-and-Paper oder MMORPGs! Nach welchen Regeln entscheide ich in Situationen, bei denen alle Handlungsoptionen nach verschiedenen Standpunkten ethisch angreifbar sind?<br \/>\nWer bin ich (im Spiel)?<br \/>\nWer will ich (im Spiel) sein?<\/p>\n<p>Erl\u00e4uterung des &#8220;Heinz-Dilemma&#8221;:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Stufentheorie_des_moralischen_Verhaltens#Ermittlung_moralischer_Urteile\">http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Stufentheorie_des_moralischen_Verhaltens#Ermittlung_moralischer_Urteile<\/a><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><em>&#8220;Gilligan&#8217;s work presents us with two moral voices. We can hear both in children&#8217;s responses to classical examples of moral dilemmas. When confronted by the story of Heinz, who must decide whether to steal a drug to save a life, 11-year-old Jake sees the dilemma as &#8220;sort of like a math problem with humans&#8221; (Gilligan, 1982, p. 26). He sets it up as an equation and arrives at what he believes is the universal response: Heinz should steal the drug because a human life is worth much more than money. Eleven-year-old Amy takes an approach in which we see elements of bricolage. While Jake accepted the abstractly given problem as a quantitative comparison of two evils, Amy looks at the problem setting in concrete terms, breaks the restrictive formal frame of the given problem, and introduces a set of new elements. These elements include the druggist as a concrete human being who probably has a wife of his own and feelings about her. Amy proposes that Heinz talk things over with the druggist, who surely will not want anyone to die.<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><em>In Gilligan&#8217;s description of Jake, justice was like a mathematical principle. It resembled the structured programmer&#8217;s black box. To solve a problem, you set up the right algorithm, the right box, you crank the handle, and the answer comes out. Amy&#8217;s style of reasoning required her to stay in touch with the inner workings of her arguments, with the relationships and possibly shifting alliances of a group of actors. Amy&#8217;s resemblance to the programmers Alex and Anne is striking. They are all negotiators, stay close to their materials, and require transparency as they arrange and rearrange them. Despite Anne&#8217;s high level of achievement, theorists of structured programming would criticize her style for the same kinds of reasons that Lawrence Kohlberg would classify the impressively articular Amy at a lower intellectual level than Jake. In both cases, criticism would center on the fact that neither of the two young women is prepared to take the final step to abstraction.&#8221;<\/em><br \/>\n\u2013 Sherry Turkle and Seymour Papert (1990), &#8220;Epistemological Pluralism and the Revaluation of the Concrete&#8221;\u00a0in\u00a0Idit Harel und Seymour Papert (Hrsg.): <em>Constructionism<\/em>, 2. Auflage , Ablex Publishing Corporation, Norwood\/NJ (USA) 1993, S.161-S.191 <a href=\"http:\/\/www.papert.org\/articles\/EpistemologicalPluralism.html\">http:\/\/www.papert.org\/articles\/EpistemologicalPluralism.html<\/a> (aufgerufen am 17.11.2012)<\/p>\n<p>Weiterhin gilt:<br \/>\nIn einer hochgradig individualisierten, gewinnorientierten und mobilen Gesellschaft trifft man selten auf die selben Leute zweimal, um mit den Konsequenzen seiner Entscheidungen konfrontiert zu werden&#8230;<\/p>\n<ul>\n<li>Aufgabe: Denke dir ein Spiel aus, bei dem die Spieler nach bestimmten Regeln (oder auch nicht?) die Spielregeln oder die rechtfertigenden Rahmenerz\u00e4hlungen ver\u00e4ndern k\u00f6nnen.<\/li>\n<li>Aufgabe: Warum hat das Rollenspiel &#8220;Dungeons &amp; Dragons&#8221; ein &#8220;Aligment&#8221;-System, nach dem man seinen Spielcharakter eine bestimmte ethische Grundverfasstheit mit auf den Weg geben kann?<br \/>\nSiehe: <a href=\"http:\/\/easydamus.com\/alignment.html \">http:\/\/easydamus.com\/alignment.html<br \/>\n<\/a><a href=\"http:\/\/easydamus.com\/alignmenttendencies.html\">Es gibt ein Raster (mit Zwischenstufen)<\/a>, das eine vereinfachte ethische Grundausrichtung in D&amp;D darstellt.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Beispiele f\u00fcr ethische Spiele im Netz<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Erstellen eines Charakters und seiner Eigenschaften durch ethische Entscheidungen in der Vorgeschichte:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.choiceofgames.com\/vampire\/\">http:\/\/www.choiceofgames.com\/vampire\/<\/a><\/li>\n<li>Recht gut gemachte Abfolge ethischer Fragestellungen, deren Entscheidungen &#8216;automatisiert&#8217; bewertet werden:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.philosophersnet.com\/games\/\">http:\/\/www.philosophersnet.com\/games\/<\/a><\/li>\n<li>&#8216;Scheinbar&#8217; ethische Entscheidungen, um eine Familie in Haiti \u00fcber die Runden zu bringen (bzw. am Leben zu halten):<br \/>\n<a href=\"http:\/\/ayiti.globalkids.org\/game\/\">http:\/\/ayiti.globalkids.org\/game\/<\/a><\/li>\n<li>Donny Ledonnes preisgekr\u00f6ntes kontroverses RPG &#8220;Super Columbine Massacre RPG!&#8221;, bei der man die beiden Sch\u00fcler spielen kann, die das Massaker in Columbine angerichtet haben. Der Wikipedia-Artikel dazu ist hervorragend: <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Super_Columbine_Massacre_RPG!\">http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Super_Columbine_Massacre_RPG!<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>Als Gegenbeispiel: Spiele, in denen ich aufgrund der Rahmenerz\u00e4hlung keine ethischen Entscheidungen treffen kann, weil sie bereits im Vorfeld f\u00fcr mich getroffen worden sind, sind &#8216;leichter&#8217; und &#8216;motivierter&#8217; zu spielen, weil der Raum f\u00fcr Zweifel kleiner ist.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><em>\u201cIn (\u2026) World War II games, where is the liberation of the concentration camps? I am looking for the motivation rather than just shooting a bunch of human figures.\u201d<\/em><br \/>\n\u2013 David Franzoni, Screenwriter, on the DICE-Convention 2006<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone\" src=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/1\/19\/PropagandaNaziJapaneseMonster.gif\" alt=\"\" width=\"391\" height=\"585\" \/><\/p>\n<p>Wikimedia Commons: WW2 Propaganda<\/p>\n<p><em><br \/>\n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Spiele basieren auf den Entscheidungen der Spieler; und ein gro\u00dfer Teil des Spielvergn\u00fcgens stammt aus dem Erleben der und dem Umgang mit den Folgen der eigenen Entscheidungen. Wenn bedeutungsvolle Entscheidungen der Spieler (siehe &#8220;prinzipiell unentscheidbare Fragen&#8221; bei Heinz von Foerster &hellip; <a href=\"https:\/\/edublog.me\/spielzuegeundregelbrueche\/2012\/11\/18\/hier-ist-ethik-im-spiel\/\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,3,5],"tags":[],"class_list":["post-241","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-examples","category-organisation","category-theorie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/edublog.me\/spielzuegeundregelbrueche\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/241","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/edublog.me\/spielzuegeundregelbrueche\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/edublog.me\/spielzuegeundregelbrueche\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/edublog.me\/spielzuegeundregelbrueche\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/edublog.me\/spielzuegeundregelbrueche\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=241"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/edublog.me\/spielzuegeundregelbrueche\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/241\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":246,"href":"https:\/\/edublog.me\/spielzuegeundregelbrueche\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/241\/revisions\/246"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/edublog.me\/spielzuegeundregelbrueche\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=241"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/edublog.me\/spielzuegeundregelbrueche\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=241"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/edublog.me\/spielzuegeundregelbrueche\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=241"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}